Saturday, March 15th, 2008...11:47

Christliche Werte?

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Dieser Post entsteht zum Anlass des Blogkarnevals des Misanthropen über die “Gretchenfrage”. Spezifischer will ich mich mit der Rolle der Religion in der Gesellschaft beschäftigen.

In Verbindung mit der “Multikulti-Gesellschaft” werden oft die “christlichen Werte” als für unsere Gesellschaft grundlegend beschrieben, oft als Hinweis auf die Relevanz von in Christentum begründetem Denken für unseren Alltag und als Plädoyer für unsere Staatsreligion gegenüber den barbarischen Muselmännern, die unser Land infestieren. Verschiedentlich vernimmt man Stimmen, die die Wiederbekenntnis zur christlichen Religion als Lösung gegen die “Islamisierung” unserer Kultur sehen. Aber auch nichtreligiöse Exponenten bekräftigen immer wieder, dass christliche Werte unabdingbar für ein funktionierendes Europa seien (siehe beispielsweise in der Diskussion von diesem Beitrag speziell die Beiträge von “pokaface”). Ich bin der Meinung, sie könnten nicht fälscher liegen.

Wie christlich sind unsere Werte?” ist nur die eine Frage, die sich dabei stellt. Gerade im Kontext der Einwanderung aus muslimischen Ländern wird aber auch deutlich, wie unnütz und kontraproduktiv es ist, sich auf “christliche Werte” zu berufen.

Warum das? Wenn ein Muslim, streng oder weniger streng gläubig, in die Schweiz einwandert, und der Konsens herrscht, dass die schweizerische Gesellschaft von Werten des Christentums geprägt ist, wird er keine Motivation haben, sich zu integrieren. Wie soll ihm zu vermitteln sein, dass er sich an gewisse christliche Regeln zu halten habe, aber in unserem Land selbstverständlich Religionsfreiheit bestünde? Wir verlangen dann von ihm im Grunde dasselbe, was von uns in muslimischen theokratischen Ländern verlangt wird: sich einer anderen Religion entsprechend zu verhalten und ihre Werte zu respektieren. Hier macht es logisch gesehen keinen grossen Unterschied, ob diese Werte besagen, dass Frauen einen Schleier zu tragen haben, oder ob sie Fairness und Gleichheit predigen (ob das jetzt die “christlichen Werte” tun, bleibe dahingestellt.) Europäer passen sich in diesen Ländern dann oft entsprechend an, sei es aus Toleranz oder aus Angst um die eigene Sicherheit. Muslimische Einwanderer hier tun das nicht immer - mit gutem Recht: denn hier herrscht Religionsfreiheit, darum muss es dem Moslem selbstverständlich freistehen, christliche Werte nicht zu akzeptieren.

Wohin soll es also gehen? In Deutschland versucht man, den Islam einzubinden. [1] Das ist eine logische Konsequenz der heutigen Interpretation der Religionsfreiheit, aber ein Schritt in die falsche Richtung. Wohin soll das führen? Wann bekommen Hindus, Buddhisten, Mormonen, Scientologen, Zeugen Jehovas ihren eigenen Religionsunterricht? Die “staatliche Regulierung” hat zwar zum Vorteil, dass sicherlich nirgends extremistische Meinungen gelehrt werden. Auch die christlichen Religionslehrer sind wohl eher der gemässigten Sorte anzurechnen (so zumindest meine Erfahrung). Allerdings werden dadurch die Sonderansprüche der Religionsgemeinschaften weiter gefestigt.

Die Lösung kann nur der gegenteilige Weg sein: weg vom Sonderrechtsstatus der Religionen, dem Schutz von religiös begründeten (= überhaupt nicht begründeten) Spezialrechten, weg mit Schuldispensen vom Schwimmunterricht und vom Sexualkundeunterricht (wann kommt der Glaube, der aus religiösen Gründen die Mathematik ablehnt?). Religionsunterricht wird Privatsache. Aber dies gilt nicht nur für den Islam oder andere “nicht endemische” Religionen: auch das Christentum muss auf seine Sonderrechte verzichten. Was ist denn eigentlich der Ursprung des Problems? Es ist die Auslegung des Begriffs der Religionsfreiheit, der dahingehend interpretiert wird, dass man im Namen einer Religion tun und lassen kann, was immer man will, und der Staat solches Verhalten zu schützen habe. Die Religionsfreiheit muss neu betrachtet werden.
Religionen zu verbieten, kann natürlich nicht im Sinne der Sache sein, es wäre auch zwecklos. Religionsfreiheit sollte aber nicht mehr sein als die Freiheit, seine Religion zu wählen, wie man ein beispielsweise Hobby wählt. Ich kann Christ, Muslim, Jude, Falun-Gong-Anhänger sein, an das Spaghettimonster glauben oder auch Atheist sein, genau wie ich als Hobby Fussball spielen, reiten, Bücher schreiben oder am Bahnhof rumhängen kann, solange ich damit keinen Schaden anrichte. Ich kann aber nicht als Hobby Häuser anzünden oder Schule schwänzen. Warum sollen Religionen solche Rechte haben?
Genauso muss sich auch unsere Gesellschaft auf Werte stützen, die sich nicht auf eine Religion berufen. Das tut sie eigentlich schon lange. Die humanistischen Werte, deren Ursprünge schon aus griechischer Zeit stammen und die uns von den Apologeten des Abendlands immer wieder als “christlich” verkauft werden, um eine Existenzberechtigung für “ihre” Staatsreligion zu schaffen, bedürfen keiner religiösen Grundlage und vertragen sich gut sowohl mit religiösen als auch mit nicht-theistischen Weltanschauungen.
Ob sich jetzt ein eingewanderter muslimischer - oder, um nicht als Islamhasser zu gelten, sagen wir: ein buddhistischer Terrorist plötzlich an die humanistischen Werte anpasst, nur weil nicht “christlich” draufsteht, ist natürlich fraglich - aber das ist auch nicht der springende Punkt. Zentral ist, dass wir als Humanisten jeden Grund haben, religiösen Terrorismus oder die Scharia zu kritisieren und zu sanktionieren - als Christen (oder auch nicht) in einem Staat mit christlichen Werten, aber auch mit Religionsfreiheit haben wir das nicht. Es tut also not, sich endgültig von der Litanei der christlichen Werte zu verabschieden.

Damit ich die eigentliche Frage des Karnevals auch noch beantwortet habe: Ich bin Atheist bezüglich den meisten bisher beschriebenen Göttern, und Agnostiker gegenüber Gottheiten im Allgemeinen. Aber ich will ja auch noch in Zukunft etwas zu schreiben haben, daher spare ich mir genauere Ausführungen für später auf :D

Linknotes:
  1. NZZ Online - Islamische Religion soll in Deutschland unterrichtet werden

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